Text Size

Die Spieler und die Aufsteller

Es gibt eine (gar nicht mehr so) neue Dauerdiskussion hier im fröhlichen Goldserie-Forum, die ich nicht mehr etragen kann. Ich will die vielen Threads, die davon überlagert sind, gar nicht erst verlinken, jeder aktive Forennutzer wird in den letzten Tagen darüber gestolpert sein.

Ich meine diese schier endlose Geschichte mit den Spielern und den Aufstellern.

Es ist inzwischen fast schon gleichgültig, an welchem Thema sich das festmacht. Ob jemand einen Thread startet, in dem er die Frage aufwirft, warum man eigentlich gern spielt (das ist ja eine wirklich interessante Frage), oder ob jemand miese Hallenerfahrungen (die es objektiv immer wieder einmal gibt und die es auch in meiner Zeit gab) sammeln will, oder ob einfach nur mal die persönliche (S)hitparade der totalen Toiletten unter den GSG genannt werden soll (auch diese gab es und gibt es) -- immer wieder ragt dieses gallevolle Thema in die anderen Themen hinein und hat noch genügend Potenzial, um jeden anderen Austausch zu überlagern.


Als so etwas das erste Mal auftrat, habe ich mir ja noch gedacht, dass ich mir ein paar Popcorn holen sollte, um mich entspannt zurückzulehnen, schließlich entstand ja noch "ganz großes Kino". Aber inzwischen hat es etwas von einem immer und immer wiederholten Spielfilm, in dem einem jede Geste, jede Geige der Hintergrundmusik und jede kleine Modulation der Stimme vertraut und fad vorkommt. Popcorn habe ich auch nicht mehr...

Also will ich mich doch mal selbst auf die Bühne begeben und hoffe, dass sich alle Streithähne fortan auf die Arena dieses einen Threads stürzen. Mal schauen, wie viel Blut dabei auf mich spritzt.

Das Verhältnis der Spieler zu den Spieleanbietern (die jeweiligen Aufsteller sind da nur ein besonders kundennaher Teil eines größeren Komplexes) ist nun einmal von einer großen Ambivalenz geprägt. Das war sogar zu meiner aktiv zockenden Zeit schon so.

Aus der Sicht des Spielers ist der Aufsteller nun einmal der Mensch, der die Kassen mit dem ganzen verlorenen Geld der Spieler leer macht.

Dass die Spieler verlieren, das war schon immer ein fester Bestandteil des Spieles, sozusagen die "technische" Grundlage für das ganze Geschäft mit dem Spiel.

Natürlich "sagt" der Automat dem Spieler nichts davon. Ganz im Gegenteil, der Automat zeigt einen auffällig und illumiert dargebotenen Gewinnplan und viele große Zahlen, die im Spiele erreicht werden können. (Gut, dank der Leitern beschränkt sich diese Darbietung heute oft auf die Zahlen und wird um ein paar Bonuspfeile ergänzt.) Den "Verlustplan" sucht man vergeblich, er wäre auch bei weitem nicht so vielversprechend. Die Gewinne werden laut gegeben, so dass man beim Betreten einer größeren Halle den hörbaren Eindruck bekommt, dort würde ganz viel gewonnen. Verlieren klingt nicht. Jeder Automat ist eine Vorrichtung, die dem Spieler auf allen wahrnehmbaren Wegen eine Gewinnmöglichkeit verspricht und ihm doch ein wenig vorteilhaftes Spiel anbietet. Damals wie heute.

Ist es da ein Wunder, wenn sich der Spieler -- mal so ganz subjektiv und psychologisch gefühlt -- ziemlich abgezockt vorkommt. Mir ging das damals jedenfalls häufiger so, und die Kisten waren echt ein bisschen "harmloser". Sie erstickten nicht jede geistige Regung in einem schnellen, multimedialen Ablauf, so dass ein klarer Gedanke an der Wurzel verdorren muss, wenn man sich auf so einen Zock einlässt. (Und sie konnten doch einen Fuffie fressen und nix, aber auch gar nix sagen.) Wer tritt dem Spieler nun als direkter Nutznießer dieser gefühlten Abzocke entgegen? Richtig, der Aufsteller, der die Kassen leer macht.

Klar, dass das zu Misstönen führt.

Aber natürlich weiß der (hoffentlich hirntragende) Spieler auch, dass es ohne den Aufsteller (und ohne die gesamte, dahinter liegende Struktur) gar kein Spiel gäbe. Und eigentlich weiß er auch, dass das Spiel für den Spieler langfristig chancenlos ist. Er braucht sich nur in der Spielstätte umzuschauen. Die Geräte, die Mitarbeiter, die Ausstattung: das alles wird durch die Verluste der Spieler finanziert.

Nun, dies sind zwei verschiedene Arten des Wissens.

Das eine Wissen, die Kenntnis der objektiven Chancenlosigkeit des Spieles, ist ein rationelles, faktisches Wissen. Es liegt ungefähr auf einer Ebene mit dem Satz des Pythagoras oder vergleichbaren Kenntnissen und hat für das Spiel überhaupt keine Bedeutung. Würde der Spieler seinem faktischen Wissen folgen, denn wäre er kein Spieler; das Einwerfen von Geld in einem Automaten wäre äquivalent zum Runterspülen bitter erworbenen Bargeldes in einer Toilette.

Im angebotenen Spiel geht es um die zweite Art des Wissens, um ein eher psychologisches Wissen, das übrigens im Bezug auf die Abzockcomputer (und auf die früheren, elektromechanischen Taschenschneider) bizarr falsch ist. Das hindert es freilich nicht daran, wirkmächtig zu werden und Taten hervorzubringen, die nicht gerade zu den Intelligenzleistungen gehören. Der Automat wird als ein Gegenüber angesehen, die angeprisene Gewinnmöglichkeit wird nicht mehr in einer Relation zur Chancenlosigkeit gesetzt, es gibt allerhand Tricks und Kniffe, mit denen die Spieler eine psychologische Analyse eines Computerprogrammes vornehmen wollen, damit es ihnen ein wenig Gewinn zuschustere. (Früher gab es da so lustige Strategen des "langen" und "kurzen" Drückens, und noch davor diskutierten erwachsene Menschen ernsthaft über die Frage, ob man die Mittelscheibe nicht besser "laufen lassen" sollte, damit der Automat auch zahlt, wenn er "fällig" ist. Wer hingegen mehr der Zockermagie anhing, der legte beschwörend seine Hand auf das Anzeigefenster. Welche Wahnvorstellungen heutige Spieler haben, ist mir leider ein bisschen fremd, aber sie werden genau so irrational sein.)

Diese beiden Formen des "Wissens" schließen sich gegenseitig aus. Sie widersprechen einander so grell, dass ihre bewusste und wirkmächtige Gleichzeitigkeit mit Volldampf in die Klappsmühle führen würde. Aus dieser unmöglichen Gleichzeitigkeit entsteht auch die zuweilen gallevolle Ambivalenz im Verhältnis zwischen Spieler und Aufsteller, die hier immer wieder für heitere, kleine Entgleisungen sorgt.

Das "psychologische Wissen" genießt dabei allerdings einen großen Vorteil. Es gehört einer älteren, weniger hoch entwickelten Schicht des Bewusstseins an und steht viel müheloser zur Verfügung als diese anstrengende Ratio mit ihren leidigen Forderungen an Verantwortung, Planung und Lebensgestaltung. Das ist es ja, was die Retardierung des Bewusstseins beim Spielen zu einem entspannenden Vorgang macht, und das ist übrigens gleichzeitig jener ungesunde Anteil am Spiele, der zu einem echten Tabubegriff dieses Forums führt, zur Spielsucht.

Spielen ist reines Kopfkino.

Der Aufsteller bietet Interessierten einen Sessel an, auf dem sie in ihrem eigenen Kopfkino vor einem Automaten Platz nehmen können -- und kassiert für dieses Angebot.

Der Spieler nimmt dieses Angebot an, setzt sich vor einem Automaten in sein eigenes Kopfkino, gibt sich der Entspannung irrationaler Verhaltensweisen hin -- und zahlt ordentlich dafür.

So lange es dabei nicht zu völligen Kontrollverlusten kommt, ist darin doch gar kein Problem, oder? Es ist das Zocken doch das gleiche Geschäft wie jedes andere Kopfkino-Business auch, heiße es nun "Bildzeitung", "Angela Merkel" (Homöopathen setzen hier bitte "Franz Müntefering" ein, Allergiker nehmen stattdessen "Dietmar Bartsch"), "Deutschland sucht den Superstar", "Goldserie" oder "Opium".

Aber manchmal scheinen hier (und draußen in der so genannten "Realität") ja doch die beiden verschiedenen Ebenen des Wissens und der Hirntätigkeit, die psychologische und die faktische, an etwas unangemessenen Stellen verwendet zu werden...

Übrigens auch von Aufstellerseite...


So, ich habe hier jetzt wirklich genug Dinge getippt (und mit kleinen Gemeinheiten gesalzen), die mich sehr irrationale Reaktionen und einen ordentlichen "Flamewar" erwarten lassen. Tobt euch aus! Und gebt mir auch noch ein paar Tiernamen, wenn euch danach zumute ist. (Aber nicht "Knuddelbär"!) Vielleicht schaffen wir es ja doch noch, die ganzen anderen interessanten Diskussionen von diesem einen, so unerschöpflich scheinenden Thema "Spieler und Aufsteller" ein bisschen frei zu halten. Zumindest so, dass sich dort wieder ein gewisser Faden erkennen lässt.

Faden heißt auf Englisch übrigens "thread".

Ach ja, wer irgendwo, gut versteckt ein bisschen Satire in diesem Text gefunden hat, der darf sie behalten.

Scotty! Energie!