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Crown Royal Clory

Zu einem ebay-Angebot

Ja, dieses vorzügliche Angebot verdient wirklich eine "kleine" Analyse. Wer in den folgenden Zeilen Spuren von hanebüchenem Unsinn findet, darf sie gern behalten... großes Grinsen

Es handelt sich offenbar nicht um einen Crown Royal Glory, sondern - ganz genau so, wie es sich auch im Text des Angebotes klar nachlesen lässt - um den einzigen erhaltenen Prototypen des Crown-Royal-Clory. Die Namensähnlichkeit sorgt hier natürlich für gewisse Irritationen, aber es ist eben auch ein Gerät für echte Liebhaber. Es ist schade, dass der Anbieter kein Foto hochlud, das solchen Irrtümern jeden Boden entzogen hätte.

 

Baujahr des Gerätes war keineswegs der Anfang der 70er Jahre, sondern das Ende der 60er Jahre - was aber als Fehler auf Grund der außerordentlichen Seltenheit dieses beachtlichen Bergmann-Gerätes verzeihlich ist. Es handelt sich um den Prototypen eines Nachfolgers für den Super Serie 666, dessen Namensgebung wegen der erfreuten Resonanz unter Satanisten (siehe Apokalypse, Kap. 13) gemeinhin als so unglücklich empfunden wurde, dass möglichst schnell ein anderes Gerät entworfen wurde, in dem die unverkäuflichen Reste vom "666" (interner Name bei Bergmann: "Spielteufel") verbaut werden sollten. Deshalb war das Spielsystem auch eher schnell gestrickt und unausgereift und konnte sich nicht am Markt durchsetzen - was aber durchaus typisch für Bergmann-Spielsysteme aus der Zeit zwischen 1968 und 1972 war.

Das Spielsystem erinnert entfernt an den Golden Stars 10-20. Allerdings wird hier eine stilisierte Krone (ähnlich wie beim viel späteren "roten" Crown) an Stelle eines Sternes für die Serienkombination verwendet. Die Idee, ein graphisches Symbol zu verwenden, lag in der Tatsache begründet, dass aus Imagegründen ein schneller Ersatz für die "6" hermusste. Drei Kronen wirkten nach der früheren Hauptgewinn-Kombination "666" einfach weniger anstößig, und der typische vierzehnstrahlige Bergmann-Stern dieser Epoche war noch nicht gefunden. Deshalb auch der Name "Crown", der - als ob die Krone dies noch nicht gebührend zum Ausdruck gebracht hätte - um das Attribut "Royal" (könglich) ergänzt wurde. Man setzte damals generell bei Bergmann auf englische Automatennamen, was zu einer Zeit, in der viele aktive Spieler kein Wort Englisch beherrschten, auch eine zum Zwecke der Werbung durchaus erwünschte elitäre Wirkung hatte und deutlich weltoffener als etwa "Goldene 7 & 8", "Treff" oder "Super Krone" klang und somit die damals noch im Zentrum der umlaufenden Scheiben angebrachte Bergmann-Weltkugel begrifflich unterstützte - von einem früheren Namen wie "Max und Moritz" kann hingegen kaum behauptet werden, dass er aufdringlich nach großer, weiter Welt geduftet hätte.

Der Namensbestandteil "Clory" hat jedoch einen völlig anderen Grund. Er hat seine Ursache darin, dass die unverkäuflichen Scheiben des "666" mit Chlorgas gebleicht werden mussten, um sie für den neuen Aufdruck vorzubereiten - leider fand sich unter den Ingenieuren bei Bergmann kein Chemiker, und so wurde der Name des chemischen Elementes falsch geschrieben. Ein Schreibfehler, der diese Rarität noch sammelwürdiger macht.

Das Spielsystem: Wie auch bei vielen Bergmann-Geräten dieser Zeit üblich, waren die Umlaufkörper mit Ziffern und Symbolen bedruckt, die auf den äußeren Scheiben zum Teil farbig hinterlegt wurden. Einen kleinen Gewinn gab es beim Erscheinen von zwei gleichen Hintergrundfarben auf den äußeren Scheiben, für die größeren Gewinne waren seltenere, dem Gewinnplan entsprechende Ziffern- und Symbolkombinationen erforderlich.

Besonders verwirrend waren hierbei die Serienkombinationen. Eine Serie wurde auf drei Kronen gegeben, aber die Anzahl der Sonderspiele war abhängig von den Hintergrundfarben der Kronen; so konnte es eine 4er-, eine 7er-, eine 9er- und eine 13er-Serie geben, je nach dem, ob die Hintergrundfarben der Kronen schwarz-blau, rot-grün, rot-blau oder schwarz-grün waren. Sowohl die krummen Anzahlen der so gewinnbaren Sonderspiele als auch die schwierig zu merkenden Wertigkeiten der Kombinationen kamen nicht so gut bei den Spielern an, die so schon Jahre vor der Gewinnausspielung des legendären roten Crown immer wieder von unerwarteten Gewinnhöhen überrascht wurden. Die Existenz eines Entwurfes einer speziellen Gastro-Version jedoch, die auf alle diese Kombinationen lediglich eine magere 3er-Serie gab, ist sicherlich nur ein Gerücht, so sehr ein derartiges Gerät auch den oft etwas angetrunkenen Spielern entgegen gekommen wäre.

In der Serie wurde jeder Gewinn auf den zehnfachen Einsatz erhöht, das Erscheinen einer Serienkombination in der Serie gab keinen Gewinn und beendete wegen eines kleinen technischen Fehlers die Serie auf der Stelle. (Die Aufzählimpulse auf das Zeigerzählwerk wurden zwar erzeugt, führten aber wegen der unausgereiften Schaltung zum Abzug vom Zählwerk. Um diesem Fehler Rechnung zu tragen, wurde einfach eine entsprechende Formulierung in die Spielanleitung aufgenommen, die jedoch wegen des kontrastarmen Drucks auf einer unbeleuchteten Stelle nicht gut sichtbar war.)

Die Worte "zehnfacher Einsatz" zeigen schon, dass der Einsatz variabel und vom Spieler wählbar war. Wenn in hinreichend schneller Folge zwei Groschen eingeworfen wurden, dann wurde ein Spiel mit 20 Pfg. Einsatz gestartet, ansonsten eines mit 10 Pfg. Einsatz. Bei Einwurf einer Münze von 1 DM oder 50 Pfg wurde standardmäßig das immer noch beliebte Spiel mit 10 Pfg. Einsatz gespielt und der Restbetrag auf dem Zeigerzählwerk aufgebucht, dieses Spiel konnte jedoch in den ersten zweieindrittel Spielsekunden durch Betätigen rechten Stopptaste eine halbe Sekunde nach Druck auf die Rückgabetaste, wenn während dieses Vorganges die Starttaste gehalten wurde auf ein 20 Pfg.-Spiel umgeschaltet werden - die meisten Spieler haben diesen Teil der Spielanleitung allerdings niemals verstanden. Um durch Einwurf von zwei Groschen ein 20 Pfg.-Spiel zu starten, mussten die beiden Münzen im Abstand von maximal einer viertel Sekunde eingeworfen werden, was eine manuelle Geschicklichkeit erforderte, die sich nicht mit dem Genuss eines schönen kühlen Bieres vertrug. Es gab auch eine Tastenkombination zum Umschalten auf 15 Pfg. Einsatz, die jedoch wegen der mechanischen Trägheit der damaligen Relais (aus der Telefon-Vermittlungstechnik) nicht zuverlässig angewandt werden konnte.

Es ist klar, dass der "Clory" kein Seriengerät wurde - es wurden exakt zwei Prototypen gebaut und für drei Tage in der "freien Wildbahn" getestet. Einer dieser Prototypen endete im häuslichen Kamin von Bergmann-Gründer Theo Bergmann, nachdem er zwei Probespiele gemacht hatte und kurz entschlossen zur Axt griff, um das massive Holzgehäuse einer sinnvollen Nutzung zuzuführen. Der Verbleib des zweiten Prototypen galt bis heute als ungeklärt. Das Gerücht, dass der zweite Prototyp an ADP verkauft wurde und sein Aufbau zur techischen Grundlage des 1977 erschienen "Merkur" wurde, konnte jedenfalls nicht bestätigt werden; ebensowenig wie die gelegentlich in Fachkreisen wiederholte Behauptung, dass das Gerät in die DDR verkauft wurde und dort einige Jahre später die Montagsdemonstrationen auslöste, weil niemand der Verlautbarung des Komitees des Nationalen Zentralausschusses des Revolutionären Rates für Spielwesen, Lebensgenuss, Volksbelustigung und Freizeitaktivitäten glauben konnte, dass es sich um ein Spielgerät aus der BRD handele. Die vereinzelten Berichte von Überläufern, dass sich der vermisste "Clory" im SED-Ferienparadies auf Rügen befunden habe, beruhten allesamt auf der nahe liegenden Verwechselung einer Apfelsinenkiste mit einer "fruit machine".

Doch nin ist er - wie durch ein Wunder - endlich wieder aufgetaucht. Und jeder hier wird verstehen, dass dieses einzigartige Gerät bei einer flüchtigen Beschreibung ohne Unterstützung durch ein aussagekräftiges Foto einen völlig falschen Eindruck erwecken kann. In Wirklichkeit handelt es sich um einen Spielautomaten, der noch ungewöhnlicher ist als der berühmte "Sputnik" - und somit um ein Angebot, dem kein Liebhaber des Münzspieles widerstehen kann. Es ist kaum vorstellbar, dass noch fünf Tage vor Ablauf der Auktion keine Gebote vorliegen, die dieses einmalige Angebot in den sechsstelligen Euro-Bereich bringen; aber für Sammler ist's eine gute Nachricht, winkt hier doch ein echtes Schnäppchen.

(So, ich muss jetzt schlafen. Und morgen verkaufe ich auf ebay eine Rolle Klopapier als "euro-fähigen, voll mechanischen Spielautomaten" mit "interessanter Spielabwicklung" und "Ausschüttung von nützlichen Sachpreisen" - natürlich "für den häuslichen Hobbybetrieb auch ohne Münzeinwurf zu spielen"...)