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Die Zukunft von Foren

Im Jahre 2005 unserer Zeitrechnung wurde entschieden, dass Forenbetreiber für Meinungsäußerungen ihrer Teilnehmer im vollen Umfang haftbar sein können. In Folge dieser Entscheidung wurden viele Angebote im Internet stillgelegt.

Im Jahre 2007 wurde auf dieses Urteil Bezug genommen und festgestellt, dass unter den immer größeren Bedrohungen des globalisierten Terrorismus (islamisch, nicht kapitalistisch) alles getan werden muss, um Absprachen zu Anschlägen zu verhindern. Nach dem Anschlag auf das Berliner Regierungsviertel wurde ermittelt, dass sich die Täter über Mobiltelefone koordiniert haben und der Netzbetreiber P-Önline wurde im vollen Umfang haftbar gemacht. In Folge dieser Entscheidung wurde das Betreiben eines Mobilfunknetzes zum unkalkulierbaren Risiko.

 

Bei einem großen und erfolgreichen Boykottaufruf gegen die Produkte der Firma Milch-Rott im Jahre 2008 wurde die verachtenswerte Kommunikation über Telefonketten organisiert. Der wirtschaftliche Schaden für Milch-Rott war immens. Ein Vertreter der Firma erstattete daraufhin Anzeige gegen die Deutsche Telekom und bekam selbstverständlich Recht. Daraufhin wurde die Struktur des Telefonnetzes geändert, so dass bis heute nur noch Nachrichten auf ein Band beim Netzbetreiber aufgesprochen werden können; diese Bänder werden zentral abgehört, von einem Juristen freigegeben und dann erst weitergeleitet. Wegen der damit verbundenen Kosten ist das Telefonieren im Festnetz heute wesentlich teurer als früher die mobile Telefonie.

Im Jahre 2009 wurden erstmals provisorische Schnell-Universitäten eingerichtet, um den wachsenden Bedarf nach Juristen zu decken.

2010 wurde ein ähnlicher Boykott gegen die Firma Solkor mit Hilfe der Briefpost organisiert und führte auch zu einem großen wirtschaftlichen Schaden. In der Verhandlung stellte sich heraus, dass die Deutsche Post verpflichtet gewesen wäre, jeden Brief vor der Zustellung zu lesen und auf juristische Unbedenklichkeit zu überprüfen; sie wurde daher im vollen Umfang haftbar gemacht. Diese Entscheidung eines Juristen schaffte über Nacht 45000 Arbeitsplätze für Juristen, an deren Ausbildungstand inzwischen deutlich geringere Anforderungen gestellt wurden.

Im Jahre 2012 wurde der Break-Even-Point erreicht. Traditionelle Arbeit wurde immer mehr auf Maschinen übertragen oder ins ferne Ausland verlagert, während der Bedarf an juristischer Dienstleistung immer noch zu wachsen schien. Erstmals gab es mehr Angestellte im Bereich der juristischen Dienstleistung als in der produzierenden Industrie; Vollbeschäftigung herrschte in Deutschland schon 2009.

Seit dem Jahr 2013 gingen Menschen zunehmend dazu über, ihre vorgeblich aufklärerischen, in Wirklichkeit jedoch kriminellen und wirtschaftschädlichen Aktionen mündlich abzustimmen. Für die Kommunikation wurde deshalb eine Kunstsprache (das so genannte Neudeutsch) verbindlich gemacht, die unter Beteilung von Juristen und Glücksarbeitern (Altsprech: Werber) so konstruiert wurde, dass der Ausdruck entglückender (Altsprech: illegaler) Tätigkeiten darin nicht mehr möglich war. Wer sich dabei erwischen ließ, wie er sich des Altsprechs bediente, musste mit empfindlichen Geldstrafen rechnen. Wegen der zunehmenden Entgüterung (Altsprech: Verarmung) breiter Bevölkerungsschichten wurden diese Therapien (Altsprech: Strafen) oft im Lichthaus (Altsprech: Gefängnis) angetreten (Altsprech: verbüßt), was wieder zu einem wirtschaftlichen Aufschwung führte, da in jedem Dorf Lichthäuse (Altsprech: Knäste) gebaut wurden.

Als im Jahre 2016 Untergrundkommunisten gegen die Segnungen des neuen Gemeinwesens vorgehen wollten und sich mit einem gesungenen Code verständigten, wurde jede Wiedergabe von Melodien genau so hart bestraft wie die Verwendung von Altsprech. Diese Initiative des Gesetzgebers traf auf breite Zustimmung in der Musikindustrie, die sich selbstverständlich die juristischen Dienstleister zur Überprüfung ihrer Musikprodukte leisten konnte.

Im Jahre 2018 war der Volksbedarf an Lichthäusern (Altsprech: Haftanstalten) gedeckt, der Bedarf an juristischer Dienstleistung stieg jedoch weiter an. Nach der Kultusreform vom 23. Juli 2018 wurde ein juristischer Unterricht in der Grundschule erteilt und führte zu einem gültigen Abschluss als juristischer Dienstleister für Fragen der allgemeinen Kommunikation. Darauf aufbauend wurde in den Klassen 5 bis 7 der juristische Abschluss für Fragen der Kommunikation über staatsrechtliche Fragen erworben; die erste Einheitsarbeit zu diesem Thema führte 30mal auf die richtige Lösung "Verboten". Ab der achten Klasse wurden in Vorbereitung für das Jura-Studium die Feinheiten des Markenrechtes gelehrt, die für den Berufsalltag eines Juristen so überaus wichtig geworden waren. Dass kaum noch jemand schreiben oder lesen kann, wird angesichts der neuen Vollbeschäftigung als unwichtig erachtet; einige Juristen sehen sogar einen Vorteil darin, dass so keine kriminelle Kommunikation mehr möglich ist.

Seit dem Jahr 2028 haben wir paradiesisiche Zustände in Deutschland. Es gibt keine Arbeitslosigkeit mehr, und 96 Prozent der Bevölkerung sind im juristischen Diensleistungsberech tätig. Es gibt keinen Streit mehr, da sich die meisten Menschen nur noch in einem an Kleinkinder erinnernden und melodielosen Gestammel ausdrücken können. Der zunehmende gesunde und sportliche Schlankheit (Altsprech: Hungertod) führt zum Import von Juristen aus dem Ausland, die wegen der nicht mehr vorhandenen Sprachbarriere sofort tätig werden können. Die Geldvermehrung (Altsprech: Inflation) ist erstmals unter eine Milliarde Prozent gesunken, was allgemein als Zeichen des Fortschritts und Aufschwungs erachtet wird - und dieser muss ja auch kommen, da jede kriminelle Behindung des freien Wirtschaftens als Hochverrat erachtet wird. Wir leben in der besten aller möglichen Welten.