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Das Zocken aufgeben

Was kann ein Mensch tun, der sich für spielsüchtig hält?

Kein Mensch hält sich für spielsüchtig, weil er ab und an mal ein paar Euros in eine Kiste steckt. Wenn jemand selbst auf die Idee kommt, er könne spielsüchtig sein, wird das einen Grund haben. Nun ist der Weg zu einer derartigen Einsicht aber mit einem schlimmeren persönlichen Gefühl der Niederlage verbunden als bei so ein paar verzockten Hunnies aufkäme. Auf die Idee, spielsüchtig zu sein, kommt jemand, der einen teilweisen oder völligen Kontrollverlust bei sich selbst feststellt, wenn er spielt. In Folge dieses Kontrollverlustes spielt jemand denn mehr und/oder häufiger, als seiner persönlichen Lage zuträglich wäre und stellt dabei die traurige Tatsache fest, dass er nichts dagegen tun kann.

 

Erschwerend kommt hinzu, dass Geräte (in der Vergangenheit unter Umgehung gesetzlicher Vorschriften) so entworfen werden, dass es zu einem suchtähnlichen Spielverhalten kommt. Wenn denn jemand von der Sucht betroffen ist, ist das wie ein Schlüssel, der ins Schloss passt - und wie zum Hohn darf der süchtige Spieler denn auch noch erleben, dass andere Menschen ohne große Probleme zu bekommen einen Fuffie verballern können und auch noch Spaß dabei haben.

Ich spreche da aus Erfahrung, denn ich war einst spielsüchtig. Das trieb mich zu einem großen allgemeinen Interesse für GSG, und schließlich bin ich hier bei Goldserie.

Die Vergangenheitform deutet es ja schon an: Ich habe das hinter mir. Meine Selbstzerfleischung, die ich erst als süchtiger Spieler und anschließend als ein süchtiger Spieler, der von seinem täglichen Adrenalin-Rausch runterkommen will an mir vornahm, werde ich nicht in einem offenen Forum vor dem ganzen Internet darlegen, was hoffentlich jeder verstehen kann.

Aber vielleicht kann ich aus meiner Erfahrung doch etwas helfen.

Was ich nicht geben kann, ist ein allgemeiner und garantiert wirksamer Rat, wie man von seiner Spielsucht herunterkommen kann. Menschen sind nur einmal verschieden und gehen mit völlig verschiedenen Voraussetzungen an dieses Problem heran, wenn es sich ihnen stellt. Wer zum Beispiel so wie ich gestrickt ist und keine "Hobbies" hat, wird sich nicht allein davon reizen lassen, dass ihm mehr Geld zur Verfügung steht, wenn er nicht mehr zockt. Für einen "normaleren" Menschen kann das aber durchaus ein motivierender Anlass sein. Wegen solcher Menschlichkeiten der Materie kann ich nichts zum Thema einer geeigneten Motivation sagen.


Mir hat es zum Einen sehr geholfen, mich selbst (langsam) als spielsüchtig zu erkennen und mir wirklich einzugestehen, dass ich mein Spielverhalten nicht unter Kontrolle habe. Als dies in die Einsicht träufelte, konnte ich auch einsichtig handeln. Ein Teil dieses einsichtigen Handelns war es, dass ich stets nur abgezähltes Geld dabei hatte und natürlich niemals eine Karte für den Geldautomaten. Wenn ich "rausging", hatte ich eben nur einen Zehner in der Tasche, und der schmerzte nicht, wenn er weg war. Das klappt natürlich nicht, wenn man mal eben kurz nach Hause geht und sich weiteres Geld holt, um weiterzuzocken. Zum Glück für mich löste sich die süchtig machende Faszination auf einem solchen Weg auf, und zum weiteren Glück hatte ich einen relativ weiten Weg zu "meiner" Zockhalle. (Ja, ich war Stammkunde.)

Gleichzeitig habe ich ein Programm durchgezogen, das noch etwas schwieriger war. Ich habe versucht zu gewinnen. (Ja, tut das denn nicht jeder?)

Meine Beobachtung war es, dass ich die meisten Gewinne wieder verzockte und so niemals einen Gewinn aus der Zockhalle herausnahm, wenn es nicht gerade eine ganz ungewöhnliche Ballung glücklicher Ereignisse gab - denn war der Gewinn natürlich auch anständig, auch damals schon.

Also schrieb ich mir einen Betrag fest, den ich gewinnen wollte. Wenn ich diesen Betrag überschritt, so nahm ich mir eisern vor, dass ich mindenstens diesen Betrag auch aus der Zocke mit nach Hause nehme. Ich setzte diesen Betrag damals auf 30 Mark fest, weil dies ein erreichbares Ziel war. Dass ich diesen Vorsatz - vor allem anfangs - nicht immer erfüllte, ist hoffentlich auch jedem klar. Aber ich habe mir dann vorgenommen, davon nicht abzulassen sondern es beim nächsten Mal gewiss zu schaffen. Die Einsicht in den in mir ablaufenden Prozess des süchtigen Spielens und dieser Vorsatz führten dann dazu, dass es mir auch gelang - ich habe mich allerdings auch selbst daran erinnern müssen, und auch das ging mit einem Trick. Ich legte einen deutlich beschrifteten Zettel in die Auszahlschale, bevor ich Geld einwarf.

Außerdem hatte ich mir angewöhnt, einen so der Sucht abgetrotzten Gewinn sofort auszugeben. Erstmal war immer eine Currywurst fällig - wer mich kennt, vermutet heute noch, dass meine Wampe daher kommt. (Zum Glück habe ich nicht jeden Tag gewonnen.) Der Rest ging drauf in interessanten Zeitschriften und anderen Dingen, die ich mir sonst nicht gekauft hätte. Das Problem am Geld ist seine Abstraktheit. Es erhält erst dann einen wirklichen Wert, wenn man etwas damit anstellt.

Ein weiterer Schritt war für mich die Anschaffung einiger GSG, um diese Geräte technisch gründlich zu verstehen. Bei den elektromechanischen war das zum Glück noch vollständig möglich, und es hat die Kisten, die mir vorher als Blackbox gegenüberstanden, auch anständig entzaubert (und auf eine andere Art wieder sehr interessant gemacht). Die heutigen Abzockcomputer können meines Erachtens eine solche positive Wirkung auf einen Spielsüchtigen nicht entfalten, zu vieles bleibt auch dann noch im Dunkeln, wenn man das Gerät vor sich stehen hat. (Wer kennt denn seinen Computer, an dem er gerade liest, wirklich?)

Was mir half, waren die immer einfallsloseren Spielssysteme. Mit der Einführung der Risikoleisten verschwanden so nach und nach alle Elemente, die ein Spiel für mich interessant machten. Ich schätze, dass die heutigen "verkrüppelten Slotmaschinen" nach neuer SpVO auch so manch einen "entwöhnen" werden - und wem sie nicht entwöhnen, der besuche doch besser gleich den Automatensaal eines Spielkasinos, wo man gleichermaßen einfallsloses und teures Spiel mit deutlich besserer AQ geboten bekommt.

Ansonsten, dieser eine Tipp ist wohl kein schlechter: Menschen mit dem gleichen Problem suchen. Im Gegensatz zu einem professionellen Therapeuten hat man es da mit "Profis" zu tun, die auch den ganzen mit der Spielsucht verbundenen Selbstbetrug kennen. An Therapien glaube ich gar nicht, da ich da auch Erfahrung habe. Geholfen hat es mir, mich auf das zu besinnen, was ich selbst kann und was ich selbst nicht kann - das letztere war vor allem ein "kontrolliertes nur so zum Spaß spielen". Ich habe mein Programm allerdings ganz allein durchgezogen und hatte noch nie etwas von einer Selbsthilfegruppe gehört. (Die Therapeuten empfehlen auch nicht gerade die bessere Konkurrenz, sonst werden sie ja arbeitslos...)

Heute ist das alles schon über fünfzehn Jahre her, und GSG haben für mich nicht mehr die geringste Faszination. Ich habe hin und wieder einmal einen Heiermann oder neuerdings so ein ekliges Zwei-Euro-Stück reingesteckt, und der Spielablauf erinnerte mich eher an eine Klospülung als an irgend etwas Interessantes.

Ich glaube übrigens nicht, dass Goldserie ein besonders gutes Forum für diesen Zweck ist. Jemand, der mit dem Saufen aufhören will, sollte das Thema "Saufen" nicht gerade in einer Kneipe anschneiden. Wer kein Problem mit Alkohol hat, fühlt sich durch solches Reden seiner Lust am harmlosen und geselligen Rausch beraubt, wer aber ein Problem damit hat, der fühlt sich auf dem Schlips getreten und reagiert auch schon einmal aggressiv.

Tatsächlich erwecken einige irrationale Reaktionen in diesem Thread in mir den Verdacht, dass es mehr Probleme mit unkontrollierten Spielverhalten gibt als es Menschen gibt, die sich diese Probleme ehrlich (und mutig) eingestehen können. (War das jetzt vorsichtig genug formuliert...)