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Immer mehr Menschen verspielen ihr Glück

Das Geschäft mit dem Glücksspiel brummt. An immer mehr Spielautomaten rollt der Rubel. Verlierer sind Glücksspielsüchtige, deren Zahl drastisch steigt, wie die Beratungsstelle der Evangelischen Gesellschaft registriert.Fachleute fordern von Land und Kommunen, gegen die Spielangebote energischer vorzugehen. Seit Jahresbeginn ist der Glücksspielvertrag in Kraft. Das Regelwerk soll die Spielsucht eindämmen.

So weit die Theorie. In der Praxis macht Günther Zeltner von der Fachstelle Glücksspiel der Evangelischen Gesellschaft (Eva) andere Erfahrungen. „Die Zahl der Klienten ist dramatisch gestiegen", stellt er nüchtern fest.

Kamen 2007 mit 173 Spielern so viele Hilfesuchende wie noch nie, wurde diese Zahl jetzt schon Mitte des Jahres überschritten. „Wir rechnen mit 350 neuen Spielsüchtigen", sagt Zeltner. Binnen Jahresfrist wird sich auch die Zahl verzweifelter Angehöriger verdoppeln, die Rat bei der Eva suchen. Nach Zeltner sind in Stuttgart bis zu 4000 Menschen spielsüchtig. Etwa 80 Prozent der Spieler verfallen an Automaten ihrer Sucht, lässt sich an Spielerkarrieren ablesen. „Baden-Württemberg galt lange Zeit als Entwicklungsland bei Spielhallen und Spielgeräten", weiß Jürgen Trümper vom Arbeitskreis gegen Spielsucht. Eine aktuelle Studie, an der sich 245 Kommunen mit mehr als 10 000 Einwohnern im Land beteiligten, belegt, dass der Südwesten aufholt. Die Zahl der Spielhallenkonzessionen stieg seit dem Jahrtausendwechsel um über 44 Prozent.

Der Arbeitskreis zählt aktuell 1122 Konzessionen. Heute rattern an 801 Orten im Land Automaten. Spielgeräte in Spielhallen nahmen im gleichen Zeitraum um 71 Prozent auf 10 830 Geräte zu. In der Gastronomie laufen zusätzlich 8861 Automaten. Bei der Automatendichte liegt das 10 000-Einwohner-Städtchen Mengen im Landkreis Sigmaringen an der Spitze. Dort kommt auf 196 Einwohner ein Geldspielgerät. Im Landesdurchschnitt teilen sich 668 Einwohner einen Spielautomaten, bundesweit sind es, 570 Bürger.

Als Eldorado für Automatenspieler gilt auch die Landeshauptstadt. „In Stuttgart gibt es 48 Spielhallen mit 574 Spielgeräten. Erteilt sind sogar 56 Konzessionen", sagt Trümper. 895 Geldautomaten hängen zudem in Gaststätten. An den Geräten werden jährlich 17 Millionen Euro verspielt.


„Der Glücksspielvertrag funktioniert nur bei staatlichen Anbietern", kritisiert Zeltner. Reglementiert würden nur Spielbanken und die Lotto-Gesellschaft, während Spielhallen und Automaten durch Gewerbeverordnungen der Kommunen kaum einzudämmen seien. Doch auch die Städte verdienen am Glücksspiel: Stuttgart erzielt rund 1,7 Millionen Euro aus Spielsteuern. „Die Kommunen müssen gegen den Wildwuchs einschreiten", fordert Zeltner. Auch sei das Land in der Pflicht.

Von den 2,4 Millionen Euro, die das Staatsministerium im Frühjahr gegen Spielsucht zugesagt hat, sei noch kein Cent bei der Eva angekommen. Die Stadt und die Spielbanken würden die zwei Suchtberater allein finanzieren. Um weiter Hilfe leisten zu können, wären drei Experten nötig.

 

Stuttgarter Nachrichten vom 22.10.08