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Die Sieben

Im Forum kam kürzlich die Frage auf, warum die "7" bei so vielen Geräten das Gewinnsymbol mit dem höchsten Wert ist. Ich glaube, dass diese Entwicklung multikausale Ursachen hat und gebe hier einmal einen kleinen, vermutlich nicht vollständigen Abriss als weitere Meta-Information zu diesem nicht ganz unwichtigen Symbol.

Eine US-amerikanische Abschweifung

In einem anderen Text habe ich ja schon einmal auf eine bestimmte Eigenschaft der menschlichen Wahrnehmung hingewiesen, nämlich, dass diese höchstens sieben verschiedene Elemente auf einmal beherrschen kann. Folglich verfügten die alten Spielsysteme nur über relativ wenige Symbole, bei den "klassischen", mechanischen Slotmaschinen waren dies etwa:

  • Zitrone (eine Niete)
  • Kirsche
  • Orange
  • Pflaume
  • Glocke
  • Bar

Das besondere Symbol "Bar" - anfangs nur ein einfacher, schwarzer Balken - diente hierbei oft auf der dritten Walze als Jokersymbol für die anderen Symbole. Wenn es dreimal in Ablesestellung erschien, denn wurde der jeweilige Höchstgewinn gegeben, der häufig ein akkumulierter Jackpot war. (Zuweilen gab es noch einen besonderen Gewinn, wenn drei Bars im Ablesefenster sichtbar waren, wenn der "dicke" Gewinn also knapp daneben war.)

Insgesamt lagen also nur sechs Symbole vor, und das Spielsystem war deshalb für die Spieler mühelos "beherrschbar". Das Glück leider nicht...

Als der Übergang zu den elektromechanischen Slotmaschinen mit Hopper-Auszahlung vollzogen wurde (vor allem von Wulff), verschwand das Symbol "Zitrone" aus den Gewinnplänen, an seine Stelle trat bei vielen Geräten die Melone für einen Gewinn höherer mittlerer Wertigkeit (oft 20facher oder 30facher Einsatz). Die vorher so hochzahlenden Bars behielten ihre Jokerfunktion, wurden nun aber deutlich häufiger gegeben, was wohl auch im Zusammenhang mit der schwierigen Markteinführung einer neuen Technik im so irrationen Geschäft des Glücksspieles stand. Deshalb wurde hierfür ein etwas geringwertigerer Gewinn ausgezahlt, in der Regel der 50fache oder 100fache Einsatz. Um weiterhin und unter Verzicht des akkumulierten Jackpots mit einem hohen Gewinn locken zu können, musste also ein weiteres Symbol her, und dieses siebte Symbol wurde schlicht die Sieben.

Zum kulturellen Hintergrund

Natürlich hat bei der Gestaltung des Symboles der gesamte kulturelle Hintergrund eine Rolle gespielt. Die Zahl Sieben stand vorher schon in einem mystischen Ansehen, das wohl auch seinen Grund in der Beschränkung der menschlichen Wahrnehmung hat. Es gab unter anderem

  • Sieben christliche Todsünden (Zocken gehört nicht dazu),
  • Sieben christliche Tugenden (und leider fehlt das Zocken auch hier),
  • Sieben Gaben des Heiligen Geistes,
  • Sieben Sakramente der röm.-kath. Kirche,
  • Sieben Tage in der Woche und
  • Sieben verschiedene Stufen des Himmels (auch im Islam und bei den Mormonen).

Die sieben Tage der Woche gehen wiederum auf die Wahrnehmung zurück. Die 29 einhalb Tage des Mondzyklus (das heutige Wort "Monat" hat die gleiche ethymologische Wurzel wie das Wort "Mond") waren und sind ohne weitere Hilfsmittel schwer überschaubar und bedurften angesichts des antiken Mangels an Terminplanern und Organizern einer weiteren Unterteilung, und diese wurde durch Vierteilung erzielt. Es gab die Zeit von Neumond zu zunehmenden Halbmond, von dort zum Vollmond, von dort zum abnehmenden Halbmond und von dort wieder zum Neumond - und in der Folge einen ungefähr siebentägigen Zyklus der Lebensplanung, der etwa so alt wie die menschliche Kultur überhaupt zu sein scheint.

Die besondere Bedeutung der Zahl Sieben wurde noch durch eine weitere Beobachtung vertieft. Es gibt am Himmel genau sieben mit bloßem Auge beobachtbare Objekte, die sich in scheinbarer Bewegung über der sonst scheinbar unveränderlichen Himmelskuppel befinden, nämlich Sonne, Mond, Merkur, Venus, Mars, Jupiter und Saturn. Diese Beobachtung machte "die Siebenheit" zu einer "außerirdischen" Angelegenheit von esoterischer Bedeutung. Hinzu kam, dass die Sieben die kleinste Zahl war, mit der man nicht mehr "vernünftig" rechnen konnte. Das zeigt sich, wenn man einmal die Darstellungen einiger Brüche im Dezimalsystem und im antiken babylonischen Stellenwertsystem zur Zahl Sechzig betrachtet:

Bruch Dezimalschreibweise Schreibweise zur Basis 60
1/2 0,5 0 . 30
1/3 0,33.... 0 . 20
1/4 0,25 0 . 15
1/5 0,2 0 . 12
1/6 0,166... 0 . 10
1/7 0,142857142857... 0 . 08 34 17 08 34 17...

Da hier nicht jeder die Sechzigerschreibweise sofort verstehen wird: Es gibt sechzig verschiedene Ziffern, und um das im Dezimalsystem abzubilden, weil ich eben keine sechzig Ziffern zur Verfügung habe, verwendete ich hier einfach die Zahlen von 00 bis 59 und machte das mit einem Leerzeichen etwas deutlicher. Die erste Stelle nach dem Punkt drückt die Sechzigstel aus, die zweite Stelle die Dreitausendsechshundertstel und so weiter. (Ich habe keine Lust, die dritte Stelle noch als Wort zu schreiben.)

Übrigens hat unsere heutige Unterteilung der Stunden und der Winkelgrade in 60 Minuten einen babylonischen Ursprung. Die Schreibung wichtiger Kehrwerte im Sechzigersystem zeigt übrigens auch, dass dieses System durchaus praktisch für den Alltag war, da es viele "glatte" Zahlen erzeugte. In den erhaltenen Keilschrifttafeln finden sich aber auf der anderen Seite überraschend viele Multiplikationstabellen, was wohl darauf hindeutet, dass ein Einmaleins mit 3600 Einträgen für die meisten Bewohner Babylons etwas schwierig auswendig zu lernen war...

Damit hatte die Zahl Sieben schon in einer Zeit, in der die Menschen gerade erst mit systematischer Mathematik begonnen hatten (und diese noch eifrig mit Philosophie und Esoterik durchquirlten) den Ruch des Unberechenbaren, Schwierigen - und das fügte sich (für damalige Menschen) vortrefflich in die "himmlische Bedeutung" der Zahl. Gut, dass sie noch nichts von der Zahl Pi wussten und 22/7 für eine im Alltag hinreichende Näherung des Verhältnisses von Umfang zu Durchmesser im Kreise hielten - aber auch dort schlich sich schon wieder die verflixte Sieben heran.

Die Sieben wurde wegen der technischen Schwierigkeiten der damaligen Mathematik im Alltag eher vermieden. Diese Meidung lässt sich auch heute noch beobachten, obwohl sie nicht mehr nötig wäre. Man verwendet schon manchmal das Sechstel oder das Achtel als Mengenangabe, aber doch niemals das Siebtel.

Wo eine Zahl im Alltag praktisch "tabuisiert" wird, da bindet sich natürlich allerhand Aberglaube an diese Zahl. Dieser Aberglaube war durchaus ambivalent, er hatte nicht den ausschließlichen Charakter einer "Glückszahl" oder einer "Unglückszahl", sondern sollte eher im Begriff einer "Schicksalszahl" gefasst werden. Wo die Sieben ins Spiel kam, da herrschte die praktische Unberechenbarkeit.

Bei diesem Hintergrund ist es eigentlich gar nicht mehr überraschend, dass die Sieben in viele Glücksspiele hineingeriet.

Deutsches

zzz100-jackpot-100er-bildIn Deutschland geschah dies auf einem recht banalen Weg. Als für die Einführung eines besonderen Gewinnes, einer Reihe von Spielen mit erhöhter Gewinnerwartung, neben den damals üblichen Zahlen von Eins bis Sechs ein weiteres Symbol benötigt wurde, da wurde es schlicht die Sieben - und bei NSM wurde das eben sehr "folgerichtig" die Sieben. Diese wurde (nach meinem Wissen) erstmals für das Gerät "Super Sieben" verwendet, das zur zusätzlichen Hervorhebung des neuen Symboles und seiner besonderen Bedeutung mit einer riesigen Sieben im Lichtschacht verziert wurde. Das Symbol selbst war in goldener Farbe gehalten. Es war das neue Hauptsymbol für einen Gewinn, der mehr als den 10fachen Einsatz wert sein konnte.

Bei dieser Entscheidung für das höchstwertige Gewinnsymbol ist es dann letztlich geblieben. Das heißt aber nicht, dass NSM keine anderen Symbole verwendet hätte. Tatsächlich gab es die gesamten 1970er Jahre hindurch verschiedene Experimente mit anderen Gewinnsymbolen, welche der Sieben als höchstwertiges Symbol zur Seite gestellt wurden oder diese sogar verdrängten. Die Spielsystem der Exquisit-Generation ordnete dem Symbol Sieben gar nur einen ordinären Geldgewinn der gehobenen Kategorie zu und gab die direkt erzielbare Serie auf das Symbol Acht.

Die Alleinstellung der Sieben bei NSM-Geräten hat sich erst später herausgebildet. Offensichtlich haben dabei die Nachwirkungen des alten Aberglaubens eine Rolle gespielt, es war eben ein Symbol, das beim Publikum "gut ankam".

Ambivalentes

redo-600Es gab die Sieben bei deutschen Geldspielgeräten nicht nur als Glückssymbol, sondern auch als Niete.

Beim recht ungewöhnlichen Versuch der Firma Roberson, die Maschine eines einarmigen Banditen aus den USA für ein Spielsystem nach bundesdeutschem Gesetz umzubauen, wurden auch (auf mechanisch recht aufwändige Weise) Serien von Sonderspielen realisiert. Innerhalb dieser Serien wurde im Erfolgsfall ein Gewinn in Höhe des zehnfachen Einsatzes gegeben.

Nur wich das Spiel erheblich von der heutigen Idee einer Serie ab. Es gab kein besonderes Gewinnsymbol für diesen Seriengewinn, sondern ein Verlustsymbol. Wenn eine schwarze Sieben auf der ersten Walze erschien, wurde in diesem Sonderspiel kein Gewinn gegeben, sondern das Spiel war verloren.

Da diese Sieben auch nicht im Gewinnplan auftauchte und somit in keiner Gewinnkombination erscheinen konnte, handelte es sich hier bei der Sieben nicht etwa um ein besonders wertvolles Symbol, sondern um eine Niete.

So weit ich weiß, ist diese Verwendung der Sieben bei deutschen Geräten einmalig. Aber sie spiegelt gut die Ambivalenz der antiken "Schicksalszahl" Sieben wider, die keineswegs nur Gutes bedeuten mochte. Schon zu den Zeiten, in denen die alten Planetengötter noch durch die Bildnisses des Firmamentes schweiften, hat wohl macher mit Armut, Krankheit, Buckel oder unerträglichen Verwandten oder Gesponse Geschlagener gesagt: "Die da oben machen doch eh, was sie wollen"...

Und in gewisser Weise passt da ja auch bis heute.

Denn diese Geldspielgeräte, die machen doch auch nur selten das, was der Spieler will...