Text Size

Es geht nur ums Gewinnen

Machen wir uns doch nichts vor. Klar, wenn es ums Sammeln geht, denn interessieren wir uns für das Spielgeschehen, wünschen uns Geräte mit einem interessanten, abwechslungsreichen und unterhaltsamen Spielsystem und einem schönen Design. Aber das hat nichts mit der Wirklichkeit des Spiels zu tun.

Denn in Wirklichkeit geht es beim Spielen nur ums Gewinnen.

Und es ist niemals um etwas anderes gegangen.

Wer mir das nicht glauben mag, fühle sich zu einem kleinen Gedankenexperiment eingeladen.


Stellt euch mal vor, in einer beliebigen Halle stünden zwei Kisten nebeneinander! Die eine Kiste sähe nicht nur außerordentlich hübsch aus, sie würde überdem den Spieler prächtig unterhalten, sie wäre ein Musterbeispiel für alle schönen Möglichkeiten der gegenwärtig verbaubaren Technik, sie hätte stets wechselnde Spielsituationen parat und immer wieder einmal eine Überraschung, auch einen überraschenden Gewinn. Und bei alledem wäre diese hypothetische Kiste so durchschaubar, dass das Spielsystem niemanden überforderte - in einem Display ließen sich ja jederzeit wertvolle Hinweise zum aktuellen Geschehen geben, und ein guter Programmierer könnte solche Einblendungen auch davon abhängig machen, wie weit der Spieler sich schon auszukennen scheint. Stellt euch vor, dass diese hypothetische Kiste auch noch den Eindruck vermittelte, dass jeder Zocker einen Einfluss auf das Spielergebnis hat, dass jeder Spieler seine Chancen verbessern kann, wenn er sich nur genug mit dem Spiel und seinen vielen Features beschäftigt! Es wäre eine echte Suchtkiste im besten möglichen Sinne dieses Wortes, eine Zockmühle, in der wegen ihres ansprechenden Spieles auch immer wieder einmal deutlich mehr Geld geworfen wird, als man eigentlich verspielen wollte. Weil das Spiel Spaß macht, und weil es einem ständig das Gefühl vermittelt, dass etwas "drin" ist.

Natürlich ärgert man sich auch mal über die Verluste, aber der Eindruck, der zurückbleibt, ist jene gute Unterhaltung, die bei einem Glücksspiel an einem Geldspielgerät möglich wäre. Und wenn man diesen Kasten irgendwo stehen sieht, denn freut man sich darüber.

Ja, ich weiß: So entworfene Spielsysteme gibt es nicht. Und es wird sie auch niemals geben, obwohl sie technisch möglich wären.

Wie gesagt, dies ist ein Gedankenexperiment.

Und deshalb stellt euch ein zweites Gerät vor, das daneben hängt! Ein einfacher schwarzer Kasten ohne jeden Schmuck. Das einzige Spielelement an diesem Kasten ist eine Scheibe mit einem rot gefärbten und einem weiß gefärbten Segment. Und das Spiel ist sehr einfach. Der Ablauf ist etwa so, dass man zwei Euro einwirft, und die Scheibe beginnt, für etwa eine Minute zu rotieren. Dann stoppt sie, ohne dass der Spieler eingreifen könnte, und wenn in einem Ablesefenster die Farbe "rot" erscheint, werden vier Euro gewonnen, die ganz direkt zur Auszahlung kommen. Mehr nicht. Das ganze "Spiel" ist etwa so ermunternd wie zum dritten Male aufgegossener Kaffee und dabei wesentlich fader. Selbst noch eine frisch lobotomierte Laborratte zöge es vor, einfach eine Wand zu begaffen, weil das viel interessanter ist als dieses "Spiel".

Nun, und weil dies ein Gedankenexperiment ist, stellen wir uns zusätzlich vor, dass bei diesem Spiel wegen eines peinlichen Programmierfehlers, der durch eine schlampige Qualitätssicherung gerutscht ist, mit einer Wahrscheinlichkeit von 66 Prozent das rote Feld gegeben würde, dass man also bei fortgesetzten Zocken an diesem gnadenlos idiotischen Automaten im Schnitt dreißig Euro pro Stunde gewönne...

Stellt euch diese beiden Automaten nebeneinander vor! Was meint ihr wohl, welcher von den beiden bei den Spielern beliebt und ständig besetzt wäre? Ich jedenfalls gebe dem zuerst beschriebenen, interessant gemachten Spiel die Chancen eines Schneeballes in der Hölle.

Weil es beim Spielen eben doch nur ums Gewinnen geht.

Natürlich müssen reale Spielautomaten so gestaltet werden, dass der Spieler auf lange Sicht nichts gewinnt. Damit dennoch Leute ihr Geld in diese Dinger werfen, muss es aber so aussehen, als gäbe es eine Gewinnmöglichkeit. Ein gutes Spielsystem ist Nebensache. Wenn ein verhältnismäßig langweiliger und mies gestalteter Automat die Psyche des Spielers mit einer halbwegs glaubwürdigen Illusion einer echten Gewinnmöglichkeit abfüttert, denn wird dieser langweilige und mies gestaltete Automat dem besseren Design am nächsten Platz vorgezogen.

Weil es beim Design von Automaten und Spielsystemen nur darum geht, den Spielern eine Gewinnchance vorzulügen, denn den Spielern geht es nur ums Gewinnen.

Ausspielungen, die zu jedem Kleingewinn versprechen, dass er auch groß werden kann (obwohl das Ergebnis schon vor dem Beginn des Lichtspieles feststeht); Risikoleisten, die versprechen, dass jeder Kleingewinn hochgedrückt werden kann (obwohl das maximal erzielbare Ergebnis vor dem ersten Druck auf die Risikotaste feststeht), Gewinnpläne mit ganz großen Zahlen; Jackpots; Bonuspfeile; programmgesteuerte Walzenläufe, die häufiger mal "knapp daneben" sind - das ist es, was dem Spieler serviert wird. Mehr nicht.

Denn es geht nur ums Gewinnen.

Nicht um schöne Automaten.

Wir müssen letztlich froh sein, wenn in diesem Prozess gelegentlich ganz hübsche Geräte entstanden sind. Es war nicht zu erwarten. Es war - ehrlich betrachtet - auch eher selten, und die meisten hübschen Geräte sind schon etwas älter. Aber es hat sie gegeben.

Einer der Gründe, weshalb ich mir ein Ende der gegenwärtig in der BR Deutschland geltenden Spielverordnung wünsche, ist, dass ich gern mal wieder ein hübsches Gerät sehen würde...