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Schneider Dietmar

Schneider_kleinHerzich willkommen. Hier auf dem Dorf, nicht etwa in Köln, ist Dietmar Schneider dann aber doch als echte kölsche Jung aufgewachsen. Ihn mit einem Elefanten zu vergleichen, ist das letzte, was einem einfallen könnte. Obwohl seine Vorliebe für dieses Tier nicht zu übersehen ist. Elefanten, wohin man in seiner Umgebung sieht. Als Sparbüchse, als Uhr, als Aschbecher, oder einfach nur so, als Kinderspielzeug zum Aufziehen. Die Elefanten an der Wand nicht zu vergessen, ob als Poster oder als moderne Malerei. Das Piedestal am Eingang zur Kölner Firmenzentrale, das ihm die Spitzenposition im Vertrieb von Multi Multi De Luxe bescheinigt, trägt einen riesigen Plüschelefanten.

Seine Liebe zu Elefanten habe er auf Asienreisen entwickelt. Dort gelten die Dickhäuter als Glücksbringer. Vor allem, wenn ihnen über den Rüssel gestrichen wird. Dabei streicht er sich selbst ganz leicht mit der Fingerkuppe über die Nase. Es sieht aus, als täte er es unbewußt. Andererseits hebt er hervor, daß neben Leistung auch eine ganze Portion Glück zu seinen Erfolgen beigetragen habe. Als Beispiel nennt er seinen Sprung in die Selbständigkeit vor zehn Jahren, als er die Firma Baden Automaten übernahm, wo er über 20 Jahre lang Prokurist gewesen war. Das sei genau die Zeit gewesen, als der legendäre Disc alle Verkaufsrekorde schlug.

„Ich habe viele Gemeinsamkeiten mit Elefanten", sagt Dietmar Schneider. Welche?

„Wenn jemand mich tritt, ist es schnell vergessen", führt er als Beispiel an. „Er darf es nur nicht versuchen, mich zum zweitenmal zu treten." Elefanten sind für ein phänomenales Gedächtnis bekannt. Und dafür, daß ihre dicke Haut nur äußerlich ist. Im übertragenen Sinne sind sie außerordentlich dünnhäutig. Den sprichwörtlichen Elefanten im Porzellanladen gibt es in der Wirklichkeit nicht.

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Feinfühligkeit ist auch eine der Stärken von Dietmar Schneider. Er hat ein Naturtalent, sich in andere Menschen hineinzuversetzen, ihre Geftihle mitzufühlen und ihre Gedanken mitzudenken. Das käme ihm im Umgang mit Kunden sehr zugute unc schütze vor Fehlschlägen.

„Bei jeder Verkaufshandlung muf der Nutzen des Kunden an oberster Stelle stehen", nennt er als sein Prin. zip. „Es wäre mein eigener Schaden wenn ein verkauftes Gerät nicht diu nötigen Einnahmen bringt. Am EndE würde der Aufsteller in Zahlungsschwierigkeiten geraten, und der Großhändler hätte das Nachsehen." Mit dieser auf Kundennutzen bezogenen Geschäftsphilosophie würden Forderungsausfälle zur absoluten Ausnahme. Auf jeden Fall sei die Pleitewelle des vergangenen Jahres - toi, toi, toi - an seinem Kundenstamm vorbeigegangen.

Wie er selbst daran mitdreht, daß seine Kunden finanziell gesund bleiben, schildert er an einem Beispiel: Selbstverständlich sammelt sich bei ihm kein Ladenhüter an. Wenn es dann aber doch mal vorkäme, dürfe der nur vom Chef persönlich an den Mann gebracht werden. Niederlassungsleiter würden solche Krücken nur solchen Leuten verkaufen, die am einfachsten zu überreden sind. Also Schwächeren, die dadurch noch schwächer würden. Ergebnis wäre dann, siehe oben. Dietmar Schneider hat den Beruf des Automatengroßhändlers von der Pike auf gelernt. 1954, nachdem er die Handelsschule absolviert hatte, kam er als Lehrling zu Schmitz & Gerdes. Eine Annonce in der Zeitung hatte ihn neugierig gemacht. Automaten waren etwas Faszinierendes für ihn.

So dachten vermutlich auch die Prüfer bei der Industrie- und Handelskammer, die ihn in der Abschlußprüfung gehörig in die Mangel nahmen. Bis ins kleinste Detail wollten sie wissen, wie diese Geräte funktionieren. „Ich hatte den Eindruck, daß sich die ehrenwerten Herren vor allem selber schlau machen wollten", denkt Schneider an diese Prüfung zurück. „Und wenn ich was nicht wußte, dann haben sie mir das auch geglaubt." Als Schwachpunkt räumt er sein unzulängliches Verhältnis zur Technik ein. Das habe ihm in den ersten Jahren seiner Laufbahn oftmals Kummer bereitet. Die meisten Kunden würden davon ausgehen, daß einer, der Auto maten verkauft, die Geräte auch reparieren kann.

„Da legen wir ein Stück Stanniolpapier auf die Sicherung", habe er sich aus der Affäre gezogen. „Und da, wo es qualmt, ist der Fehler!" Heute, im fortgeschrittenen Zeitalter der Elektronik, ginge so was natürlich nicht mehr. Hochqualifizierte technische Mitarbeiter zu bekommen, sei eine der größten Schwierigkeiten in unserer Branche. Die Initiative der AMA-Verbände, zu anerkannten Berufsbildern zu kommen, sei ein richtiger Weg.

Seine ganz persönliche Vorstellung von einem Berufsbild des Automatenkaufinanns skizziert Dietmar Schneider so: Er muß erstens anpacken können, zweitens klare Worte sprechen und drittens das Herz auf dem richtigen Fleck haben. Zu etwa 20 Prozent gehört auch ein bißchen Schlitzohrigkeit dazu. Am wichtigsten aber ist, daß für ihn ein Wort wirklich ein Wort ist.

Wer erkannt haben will, daß sich in dieser Schilderung in erster Linie Dietmar Schneider selbst widerspiegelt, dürfte richtig liegen. So räumt er denn auch ein, daß die genannten Eigenschaften durch keinen noch so ausgeklügelten akademischen Ausbildungsgang erworben werden können. Der Automatenprofi müsse es nicht nur im Kopf haben, ständig mit dem Ohr auf der Schiene der Zeit sein. Vieles müsse auch aus dem Bauch kommen, aus den Fingerspitzen, oder wie man Begabung auch immer umschreiben wolle.
„Ich habe solche Leute bei mir", verkündet er dann aber stolz. „Zum Teil mußte lange danach gesucht werden. Aber mit ihnen zusammen mache ich hier mit den erfolgreichsten Großhandel in unserer Branche."

Ein wichtiges Kriterium hat Schneider bei der Skizzierung „seines" Berufsbildes ausgelassen: Fröhlichkeit. Er bezieht sie aus der Kraft seines positiven Denkens. Und er überträgt sie auf andere. „Manchmal kommen neue Kunden zu uns", erzählt er. „Todernst und verbissen. Spätestens wenn sie zum drittenmal wiederkommen, pfeifen sie schon ein fröhliches Lied vor sich her." Unsere Branche lebe davon, anderen Menschen Spaß zu vermitteln. Wenn da jemand selbst keinen Spaß verstünde, verdiene er es nicht, ernstgenommen zu werden. Dietmar Schneider hat eine große Vorliebe für Spaßiges. In seinem Büro steht auch ein Konferenztisch. Daran sitzen lustige Puppen.

„Darf ich vorstellen", lächelt der Chef verschmitzt. „Mein Aufsichtsrat."

Es sind Puppen ohne eingebaute Sprachmaschinen. So hat Schneider den angenehmsten Aufsichtsrat, den man sich vorstellen kann. Einen, der nichts zu sagen hat. Aber es ist ein fröhlicher Aufsichtsrat. Jedes Mitglied hat eine Dose Bier vor sich stehen. Elephant-Bier von Carlsberg, versteht sich.

„Wenn ich mal total vernünftig werden sollte", legt Dietmar Schneider hier im AUTOMATEN MARKT öffentlich ein Vermächtnis ab: „Dann soll man mich erschießen."

Lang lebe Dietmar Schneider!

Ein Artikel aus dem Automatenmarkt 9/94

 

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