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Die Namen der Spielstätten

Ich habe ja gerade erst festgestellt, dass ich alt werde, und dabei ist mir siedendheiß eingefallen, dass ich schon lange keinen mehr von meinen Seitenhieben für die Goldserie-Site geschrieben habe. Da ich mich besser an die fernere Vergangenheit als an die nähere Vergangenheit erinnere, mache ich mal einen kleinen Ausblick durch die erlebten Jahrzehnte.

Eine durchaus interessante Erscheinung ist es, wie sich die Namen der Spielstätten entwickelt haben. Das spiegelt mindestens so viel Zeitgeist in seinen liebenswerten wie kranken Aspekten wider, wie es Design, Spielsysteme und Namensgebung der Automaten tun.

Als ich jung war, noch ein Zwerg, gab es praktisch keine Spielhallen, wenn man einmal von vereinzelten Läden in der Nähe des Rotlicht-Milleus absieht. Und in die Nähe des Rotlicht-Milleus kam ich nie, weil meine Beelterungskrämpfe wohl Angst hatten, was so ein aufgeweckter Junge da für seltsame Fragen in den Kopf bekommen könnte oder, noch schlimmer, verbalisieren könnte.

Das heißt aber nicht, dass ich keine Zockmühlen gesehen hätte.

Der gewöhnliche Aufstellort eines Geldspielgerätes war die Kneipe, aber auch in Cafés, Restaurants, Bahnhofswartesälen (ja, so etwas gab es mal) und Schnellimbissen waren die Dinger durchaus allgegenwärtig. Das Wort "Groschengräber" war damals durchaus passend, diese Dinger nahmen doch vor allem gern das Wechselgeld auf und wurden kaum exzessiv bespielt -- was Wunder, denn das Locken mit den ganz dicken Gewinnen hatte noch nicht begonnen. Es begann erst so richtig mit dem Rotomat Monarch von Wulff, der gar nicht mal selten richtig fette Gewinne gab.

Interessanterweise spiegelten die Namen der ersten Spielstätten außerhalb des Rotlicht-Milleus durchaus die Heimat des Geldspielgerätes in der Kneipe wider. Von einer anrüchigen Namensgebung, die einen Eindruck von exzessivem Zocken vermitteln könnte, sah man ab, stattdessen wurden oft "gemütliche" Namen wie "Spiel-Stube" oder "Spiel-Eck" gewählt. Allerdings: Die in den scheußlichen Farbtönen der Siebziger Jahre zugeklebten Schaufenster machten klar, dass es dort wohl doch nicht so richtig um Gemütlichkeit gehen könnte, und so richtig "gemütlich" waren die Dinger auch nicht. Man sollte dort halt nicht in Ruhe verweilen, sondern flippern und zocken.

Andere Spielstätten taten hingegen so, als würde sich mit dem Spiel an Münzgeräten ein ganz besonderes soziales Erlebnis verbinden, und dann wurde der Laden eben als "Spiel mit!" benannt. Nun, es gab dort in der Tat ganz besondere soziale Erlebnisse, nämlich mit dem gemeinsamen Alleinsein...

Relativ schnell kam es zu einer Konsolidierung, in der Benennung von Spielstätten taten sich Trends auf. Zum einen trat unser aller Lieblingspaul mit seinen "Spielotheken" am Markt auf, zum anderen versuchten auch die kleineren Betreiber, die letzten Reste von schmuddeligem Image abzustreifen, da war ein schlichtes Wort wie "Spielhalle" bestenfalls für den Bahnhof geeignet. Wie viele "Paläste" es doch auf einmal gab! Selbst damals schon empfand ich eine Bezeichnung wie "Spielpalast" für ein durch Trennwände in massenhaft 3er-Ambulanzräume für den affenschiebenden Intensivzocker der Achtziger Jahre unterteilte Räumlichkeit als gelungen realsatirisch, aber ich schien auch der einzige zu sein, der über diesen Witz gelacht hat. Es wurde generell nicht gelacht. Wo der "Palast" doch ein bisschen zu weit hergeholt schien, da sprach man auch gern vom "Salon", also von "Spielsalon". Ein Wort, das sich bislang eher mit einem Friseur verband, aber doch irgendwie treffend, denn auch im Salon zum nimmersatten Heiermannschlitz musste man ganz schön Haare lassen. Und das tollste daran: Wenn man mal wieder so richtig abrasiert wurde, sah man hinterher alles andere als hübscher aus.

Übrigens ist "Spielothek" eine bemerkenswert gute Sprachschöpfung, das muss ich den Werbern unseres Lieblingspauls lassen. Dieses "-othek" als Endung verband sich zu dieser Zeit lediglich mit "Diskothek", einem anderen Ort, wo die Menschen Geld dafür bezahlten, dass sie sich unter dem Diktat immer mechanischerer Taktgeber in seltsam entindividualisierter Weise bewegten. Diese Metapher passt ja bis heute hervoragend.

Dem Einheitsbrei in der Benennung der großen Spielstätten stand eine bemerkenswerte Vielfalt in den Namen kleinerer Spielstätten gegenüber. Teilweise einfallslos wie "Spiel und Spaß", teilweise auffordernd und krampfgereimt wie "Spiel mit Ziel".

Mit zunehmender Ödnis, die sich im Leben der Menschen ausbreitete, veränderten sich auch die Namen der kleinen Spielhallen. Diese mussten einen Gegensatz zur objektiven Tristesse des Wohnens im stadtverplanten Menschenschließfach bieten, und so kam es zu Benennung wie "Freizeit-Oase". Ein treffliches Spiegelbild der Tatsache, dass Menschen ihr Leben zunehmend als eine Wüste empfanden. Und es kam natürlich auch zu richtigen sprachlichen Griffen ins Klo, wie etwa diesem...

 

spielparadies


..."Spielparadies", das man in seiner Wirkung nur zusammen mit dem besonderen Flair der schnell hochgezogenen Beton-Architektur genießen kann. Übrigens hat dieser Baustil, der den rohen Beton und die Holzverschalungen offen zeigt und diesem Anblick sogar noch eine gewissen Ästhetik abgewinnen will, auch einen Namen bekommen. Er heißt "Brutalismus". Das ist ein sehr passender Name, denn diese Bauten wirken in der Tat wie ein Schlag in die Fresse.

(Das Foto habe ich im Ihme-Zentrum in Hannover-Linden aufgenommen, geradezu ein Mahnmal des Brutalismus. Das Ihme-Zentrum ist noch ein ganz anderes Thema, nach einem gescheiterten Umbau und abgesprungenen Investoren ist es zurzeit der größte Schrotthaufen in Niedersachsen, und zwar ein Schrotthaufen, in dem noch Menschen wohnen. Ich habe mir vor dem Umbau den Spaß gemacht, einmal in aller Ruhe den ästhetischen Begriff der Siebziger, Achtziger und Neuziger Jahre, der sich dort konzentrierte, fotographisch einzufangen. Man hätte das ganze Scheusal unter Mahnmalschutz stellen sollen.)

Heute (wo ich alt geworden bin) komme ich ja kaum noch auf die Idee, eine Spielstätte zu betreten, aber im Vorbeigehen fällt mir auch so einiges auf. Zum Beispiel die Tatsache, dass die heutigen Hallen gern mit Namen wie "Casino" belegt werden und damit in ihrer Benennung klar machen, dass sich auch das Spiel erheblich gewandelt hat, vom kleinen, gemächlichen Spiel in einen schnellen, teuren Zock mit hohen Einsätzen und hohen Gewinnmöglichkeiten. Interessanterweise haben die früheren Benennungen in der Regel alles getan, um genau diesen Eindruck nicht entstehen zu lassen.